Tage in Tiruvannamalai/Tamil Nadu

Nach dem Festzug am 21.2.  beschließen wir noch ein bisschen hier zu bleiben. Meine Partnerin wird sich Zeit für den Ashram nehmen und ich werde durch die Gegend streifen. Triuvnannamalai ist einmal abgesehen von dem großen Tempel und dem heiligen Berg, so eine richtige indische Stadt am Lande.  Es gibt ein ausgefeiltes Kanalsystem, aber in den teilweise offenen Kanäle steht die Gülle, da die Kanäle voll mit allem möglichen Müll sind.

Tiruvannamalai Verkehr
Die Straßen sind großteils asphaltiert, aber Löcher werden einfach mit Schotter angefüllt.

Tiruvannamalai Abwasserentsorgung
Es gibt ein ausgefeiltes Kanalsystem, aber in den teilweise offenen Kanäle steht die Gülle, da die Kanäle voll mit allem möglichen Müll sind.
Tiruvannamalai Wasserbassin zugewachsen und vermüllt
Es gibt große Wasserreservoirs die sicher schon ein paar hundert Jahre alt sind. aber auch hier sind einige komplett zugemüllt.
Ich möchte einen Tempel, der sich auf einem Hügel im Wohngebiet befindet, besuchen und marschiere frisch und fröhlich in dieses hinein. Hier gibt es schmale Gässchen die recht sauber sind und Menschen die die Eingänge reinigen, Kinder spielen auf den Wegen oder machen sich fertig für die Schule. Das erkenne ich inzwischen an den Schuluniformen. Eigentlich sollt der Tempel ja nicht so schwer zu erreichen sein, ich bin ja immer nah dran und komme aber trotzdem nicht wirklich näher. Nachdem ich da so einige Zeit herumgeirrt bin, frage ich einmal bei ein paar Jungs nach. Die können mir zwar nicht wirklich weiterhelfen, posen aber gleich einmal für ein Foto und ich muss dann noch ein Foto und noch eins usw. machen, weil immer wieder welche dazukommen.

Na gut, dann versuch ichs halt nach der nächsten Straßenecke wieder. Ich nehms gleich vorweg, das Spiel war das selbe und das Ergebnis auch. Das war dann glaube ich auch der Punkt, an dem ich meine Suche nach dem Tempel aufgegeben habe. Jetzt wir nur noch fotographiert. Wieder ein vermülltes Wasserbecken und an der nächsten Ecke eine Meute aus kleinen Kindern, von denen ein herziger als das andere aussieht. Ich verstehs noch immer nicht, die Geschichte mit den Wasserbecken, aber beim nächsten Besuch in der Gegend werde ich auch dieser Sache auf den Grund gehen.

Hier wir noch Wäsche gewaschen





Der Auslöser klickt fröhlich vor sich hin und ich habe Mühe, die Kamera festzuhalten, wenn die Kinder die Fotos betrachten dürfen. Die kleine Bande führt mich dann auch durch den Durga Tempel am Wegesrand. Das war auch gleich meine lauteste Tempelführung. Mit lautem Gebrüll laufen sie voran, zeigen mir die einzelnen Sehenswürdigkeiten und erklären mit Gesten, was man dort zu tun hat. Beten bei der einen Figur, die Figuren am Boden nachmalen usw. es macht wirklich Spaß und ich genieße es so richtig.



Die Kinder bekommen natürlich am Ende noch jeder einen Kugelschreiber. Das ist dann aber wirklich ein Tumult. Wie ich mir nachher die Fotos ansehe, denke ich darüber nach, wie denn das ist mit den armen indischen Kindern. Ich habe sie nicht gesehen, obwohl ich bei den Reisevorbereitungen einiges darüber gelesen und erzählt bekommen habe. Das war auch eine meiner größten Sorgen, wie ich mit derartigen Situationen umgehen könnte. Bis jetzt sind sie nie eingetreten. Ich sehe Kinder, die nach unseren Gesichtspunkten sicher arm sind. Diese sind aber trotzdem gesund, normal ernährt und was vor allem zählt, sie scheinen glücklich zu sein. Viel später zu Hause wies mich sogar eine Kollegin auf die gesunden Zähne dieser Kinder hin. Bei uns ist das nicht so selbstverständlich. Schön langsam komme ich immer mehr dahinter, dass da eher wir mit unserer Sichtweise Probleme in Indien haben, die von den Indern gar nicht als solche wahrgenommen werden.
Ich verabschiede mich wieder von meiner Tempelführerrunde und schlendere gemütlich durch die Hintergassen Tiruvannamalais. Inzwischen habe ich schon ein bisschen Gefühl und Orientierung für diesen Ort entwickelt. Ist ja eigentlich schon eine mittelgroße Stadt mit 145.000 Einwohnern. Aber ich bin ja nur in den kleinen Bereichen, beim Tempel, beim Markt, beim Berg und beim Ashram unterwegs. So komme ich noch an einer Mutter mit ihren beiden Töchtern vorbei. Die Töchter soll ich fotographieren, die Mutter hält sich eher seitlich. Und dann seh ich ihn, den ultimativen Straßenreinigungstrupp. Mit den hier üblichen Strohbesen wird er Müll auf einen Teppich gekehrt und dann zu viert mit Schwung mit dem Teppich auf den Lastwagen raufgescheudert. 4 Mann unten, 2 Mann oben und ein Fahrer. Partien sehen hier wirklich anders aus als bei uns.


Die 7 Jungs freuen sich auch irrsinnig darüber, dass sie ein Gruppenfoto später beim Fotostudio ums Eck abholen können. Warten auf die Ausarbeitung geht sich ja nicht aus, auch hier gibts Tempovorgaben. Gemütlich marschiere ich dann in Richtung Tasty Cafe, das in der Nähe des Ashrams liegt, um Gerlinde zu Mittag zu treffen. Es geht durch schmale Gässchen und über breite Straßen. An jeder Straßenecke werde ich von neuen Eindrücken überascht. Einmal ist es ein kleiner Markt mit dicht gedrängt stehenden Gemüseständen, dann wieder eine große Kreuzung mit irgendetwas Kreisverkehrähnlichem, das trotz allem Chaos trotzdem funtioniert und am Rand steht ein kleiner Stand mit einem alten Mann der mit einem Kohlebügeleisen Wäsche bügelt. Ich wandere langsam staunend und genießend durch diese Szenen und bin Beobachter, aber auch gleichzeitig fühle ich mich als Beobachteter. Ja schon fast als exotiscches Ausstellungsobjekt, wenn sich alle ganz interessiert in meine Richtung umdrehen, Einzelne fragen: "Where are you from?" Oder die noch Mutigeren um ein gemeinsames Foto, das dann ein Freund mit dem Handy aufnehmen muss.
Da hört man zu Hause Geschichten von Indern die sich fotographieren lassen und dann Geld dafür wollen und dann wollen die da genau das Gegenteil, nämlich Fotos von mir. Indien kann schon seltsam und verwirrend sein und freundlich fröhlich, einladend, schmutzig, sauber, stinkig und duftend. Die Gegensätze hören einfach nicht auf und so werde ich hier als Tourist täglich, stündlich und manchmal sogar minütlich von neuem überascht. Das Abenteuer Indien ist ein Abenteuer der Begegnungen, des sich Einlassens, des Schmeckens, des Riechens und des Fühlens. Indien mit allen Sinnen entweder man liebt es oder man hasst es, ausweichen kann man nicht und gleichgültig lässt es denke ich auch niemanden. Ich weis jetzt schon, ich komme bald wieder.  

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